Radstadtgedichte 2025

Siljarosa Schletterer

>von bächen befragt<

POESIEWEG
poesieweg-lageplan-20260319_für-ws


präambulum           audio

ich gehe durch radstadts umgebung0
befrage lärchen & gräben nach ihrer
welt der poesie | schnee wird
da zum pergament der liebesschwüre
& eis ein weihnachtsgewand der gewässer

bald finde ich das zentrum
am rande der stadt
ein ort der die ränder zur mitte erklärt
sich auftürmt den vorurteilen zum trotz
& neue sichtweisen aufmacht

da erkunde ich dunkle kapellen
vorbei an stillgelegten beichtstühlen
sie bitten um neue gebete
& fragen nach felsen
auf die wir gebaut sind

Zusatzinformationen: Das Präambulum eröffnet den Zyklus – als Vorgehendes, das den wortwörtlichen Zugang beschreibt.
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I. lerchenbach       47°23’06.4″N 13°27’45.9″E       audio

ab wann frage ich
beginnt geschichte
wo fängt wasser an
wieviel schafft wissen
& was steht im buch

frage nach brunnen
einer von sechs stand
hier | ein graben da
hinter den mauern
gut achtzig quellen

was ändert sich | wenn
du dem wasser folgst
frage ich fluid
& diese alte
narbenreiche stadt

Zusatzinformationen: Oft scheint es, als setze das Geschichtsbewusstsein erst mit der erzbischöflichen Gründung ein. Seit wann gibt es Wasser in der Stadt? Frühere Karten zeigen Brunnen am Stadtberg. Stammt das Wasser vom Stadtteich oder entspringt hier eine Quelle? Eine Quelle am Berg würde bedeuten: Radstadt war autark. Diese Frage nach Herkunft und Wertschätzung des Wassers begleitet die Stadt bis heute – und öffnet ein Nachdenken über das, was trägt. Wachstumsphasenkarte mit Legende.
(o. j.). arcanum.com. abgerufen 25. august 2025, von    Wachstumsphasenkarte mit Legende | Österreichischer Städteatlas | Reference Library
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II. schatzlgraben         47°23’10.7″N 13°27’48.3″E       audio

meine stadt ist mit
wasser gebaut | die
verdrängten schätze
fragen was heißt hier
natürlich | bleiben

auf | geschriebene
erinnerung | auf
passen müssen wir
selbst aufeinander
uns den wert geben

zurückgeben | die
alte nassstadt hat
für den weitblick nicht
das rad doch die rast
bei mir gefunden

Zusatzinformationen: Die Schatzlwiese vor Radstadt ist eine Feuchtwiese von großer ökologischer Bedeutung. Ihr Reichtum an Wasser macht sie zu einem Schatz an Artenvielfalt.
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III. stegerbräubach         47°23’24″N 13°28’2″E          audio 

sehe ich radstadt
mit ihren mauern
dann frage ich nach
verneinter wandlung
& spuren im stein

spüre ich mauern
mit ihren grenzen
sind da ortsbilder
blicke im turm &
die suche nach schutz

taste ich grenzen
bin ich verwundet
wundere mich &
frage wiederholt
wem die treue gilt

Zusatzinformationen: Radstadt ist von Mauern umgeben, die Schutz und Abgrenzung zugleich bedeuteten. Mauern bergen und begrenzen, sie sind ambivalent – in Stein gegossene Sicherheit, aber auch Enge. Auch Gräben und Bäche sehen diese Ambivalenz der Mauern. Das Gedicht richtet den Blick auf diese doppelte Bedeutung und fragt, wie Mauern unser Leben bis heute prägen, sichtbar oder unsichtbar.
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IV. lederbach          47°23’23.9″N 13°28’09.9″E          audio    

geheimbotschaften
der obertöne
verstecke ich im
diffusen rauschen
erkennungslieder

formen schriften im
stein | die jahrtausendringe
des wassers |
frage wann euch mein
hören erreicht &

beanspruche bei
jeder verletzung
der wellenrechte
den lebensraum der
vertriebenen ein

Zusatzinformationen: Die Bäche lehren uns zu hören. In ihrem Rauschen liegt ein Reichtum an Stimmen, fast wie ein Orgelspiel. Obertonreich und vielschichtig zeigen die Bäche, dass Wasser nicht nur rauscht, sondern klingt. Im Lauschen auf diese Klangvielfalt liegt eine Lektion für die Gesellschaft: Resonanz, Vielstimmigkeit und Zusammenklang.
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V. taurach       47°22’53.6″N 13°28’32.5″E           audio   

aha momente
machen viel mehr sinn
an meinen orten |
als eine erbin
der althochdeutschen

aha beschreibe
ich fließendes ach
das fließgewässer
nutzte ganz radstadt
für strom | das kraftwerk

bestimmte | frage
ich wie sähe die
welt aus | wenn wasser
entscheidet wer strom
erhält & wer nicht

Zusatzinformationen: Die Taurach verweist schon in ihrem Namen auf große Zeitspannen: Er stammt wohl vom althochdeutschen aha – ein Wort für Fließgewässer. In ihrer Nähe – einem Graben der inzwischen verlandet ist, stand einst ein Wasserkraftwerk, das ganz Radstadt mit Strom versorgte. Man erzählt, der Besitzer habe unfreundlichen Menschen zeitweise den Strom abgestellt.
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VI. enns       47°23’01.03″N 13°27’58.52″E         audio   

sie nannten mich oft
alte schönheit auch
herrscherin im tal
mit keltischem sinn
einte ich ana

& isa | wasser
in fülle | fragen
sie mich heute nach
fluider vielfalt
& zärtlichkeit | dann

sind mir leider die
arme gebunden
sie wurden beraubt
erzwungen begrenzt
& domestiziert

Zusatzinformationen: Die Enns prägte das Ennstal nicht nur im Namen, sondern auch in der Gestalt. Ursprünglich weit und kraftvoll, wurde sie durch Begradigungen stark eingeengt. An diesen Bauarbeiten waren auch Kriegsgefangene beteiligt – das Wasser erzählt also viel von Zwang und Gewalt. Der Name Enns geht auf die keltische Wurzel Anisa zurück. Er verweist auf die lange Geschichte einer „Flüssin“, die Lebensspenderin und Gestalterin zugleich war.
ennsregulierung anno 1916. (o. j.). ennspongon.at. abgerufen 25. august 2025, von   Ennsregulierung anno 1916
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VII. deiblgraben          47°24’12.4″N 13°30’30.9″E          audio   

denke an das wort
heim in heimlich | es
hieß | stell dich nicht an
stellte mich schweigend
hörte die stimmen

im haus | verzweiflung
sie | barbara | war
stark & schön | nur die
diagnose blieb
unhinterfragt | noch

fließt die zeit über
alles | narbende
wunden fordern mahn-
wachen mein kümmern
im trauern ein_

Zusatzinformationen: Dieses Gedicht ist Barbara Pichler gewidmet. Sie hat auf ihrem geerbten Hof mit ihrer Familie gelebt. Es heißt, dass ihr Mann spielsüchtig war: So soll er den Hof schließlich auch Barbara Pichlers Erspartes, verspielt haben. Sie erlitt daraufhin einen psychischen Zusammenbruch. In ihrer Verzweiflung bedrohte sie sich selbst und die Familie – und wurde in die Psychiatrie verwiesen – von dort wurde sie 1941 nach Hartheim deportiert und ermordet. Ihre sechs Kinder wurden auf verschiedene Höfe verteilt. Erst viele Jahrzehnte später erinnern Stolpersteine – auf Anregung des Kulturkreises DAS ZENTRUM in Radstadt – an die Opfer des Nationalsozialismus. Einer davon an Barbara Pichler. Ihre Enkelin Eva Pichler stieß durch die Namensgleichheit auf die verdrängte Geschichte.
https://www.daszentrum.at/wp-content/uploads/stolperstein-für-barbara-pichler.pdf
https://www.daszentrum.at/wp-content/uploads/stolpersteine_namen_20221020_alle.pdf
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VIII. stadtgraben         47°23’08.2“N 13°27’38.45“E          audio

wir | wasser und mensch |
wurden zu waffen
missbraucht | wie | da nicht
fragen was für ein
sieg | was für ein gott

soll das sein | es darf
im angesicht des
mordens nie erfolg
die sprache sein | in
den bildern bleiben

_ fallen versteckt |
wie an krieg denken
ohne armut | wie
erinnern ohne
uns zu erkennen

Zusatzinformationen: Im Verlauf der Kämpfe um Radstadt im Jahr 1526 wurde Wasser gezielt als strategisches Mittel eingesetzt. Überliefert ist, dass Aufständische den Zulauf zum Stadtgraben unterbrachen und damit die Wasserversorgung der Stadt kappen wollten. Umgekehrt wird in der Stadtchronik berichtet, dass die Verteidiger ihrerseits einen Gebirgsbach umleiteten, um den von Michael Geismair angelegten Wall und Graben zu beschädigen. Das Gedicht bezieht sich auf diese historischen Hinweise und verweist darauf, dass nicht nur Waffen, sondern auch Landschaft, Infrastruktur und Menschen selbst in den Dienst militärischer Auseinandersetzungen gestellt wurden.
Quellen:
–  Die alte Stadt im Gebirge – 700 Jahre Stadt Radstadt, S.138
–  Dürnpacher, Correspondenz, S.159
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IX. lerchenbach           47°23’14.0“N 13°27’37.7“E         audio

in uns lebt ein schmerz
& weiter das kreuz |
konnten es nicht ver-
hindern 
weder tat
noch verdrängen |

siebenundzwanzig
männer* wurden da
hingerichtet | fünf-
zehnhundertsechsund-
zwanzig | fragen die

schwaigerkapelle
nach den namen &
wer schweigen würde |
_ _ _ hätten
andere gesiegt

Zusatzinformationen: Das Gedicht bezieht sich auf die Hinrichtungsstätte jener 27 Pongauer Bauern des Bauernaufstandes von 1526, die an diesem Ort ermordet und begraben wurden. In der Stadtchronik wird vermerkt, dass vor der Errichtung der barocken Schwaigerkapelle ein Steinkreuz mit einer auf 1526 bezogenen Inschrift an die Enthaupteten erinnerte. Ein Notizheft des Pfarrdechants berichtet, dass die Leichname über Nacht auf dem Feld liegen blieben. Das Gedicht greift dies auf und stellt die Frage nach Erinnerung und Deutungshoheit. Wer schreibt die Geschichte?
Quellen:
–  Die alte Stadt im Gebirge – 700 Jahre Stadt Radstadt, S.175
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X. tiefenbach          47°22’29.3“N 13°26’41.2“E          audio

wann enden feuer-
tage 
| wann täter*
innen gründe | wann
das gegenübern
in der welt | schreien |

wir rinnen über |
flüchten uns rückwärts |
da liegen zu viel
körper | fragen wie
man das blut zurück-

bringt | was ihr bereit
seid | wenn man euch nichts
mehr nehmen kann &
wie lange tränen
im boden bleiben

Zusatzinformationen: In Tiefenbach befand sich einer der beiden zentralen Stützpunkte der Bauern während der Belagerung von Radstadt im Frühsommer 1526. Neben dem Lager am Mühlberg, an dem wahrscheinlich Michael Gaismair selbst war, befand sich das Hauptlager in Tiefenbach. In den Tagen vor dem Ende der Belagerung kam es zu Kämpfen, in deren Verlauf dieses Lager von den Truppen des Schwäbischen Bundes angegriffen und zerstört wurde; ein Teil der Bauern floh in die Wälder, viele wurden getötet.. Die Perspektive des Gedichts knüpft an diese historischen Bewegungen an und erinnert an die gewaltsamen Auseinandersetzungen, die in der Landschaft – im Territorium des Baches, Spuren hinterließen.
Quellen:
–  Herbert Klein, Die Kämpfe um Radstadt am 24. Juni 1526 und das Ende des Salzburger Bauernkriegs, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 92 (1952), S. 124–129    https://www.zobodat.at/pdf/MGSL_92_0124-0129.pdf
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XI. forchnquelle           47°22’37“N 13°29’01.5“E          audio

im dunkel entspringt
aufbruch | fragen uns
zwischen angriff &
befreiung | sind bild-
er 
im widerspruch |

schillern aus der zeit |
auch wir kommen vom
untergrund her | da
quellt etwas & weist |
es weiß um alles

größere & bleibt
nie zu fassen | ein
netz aus licht | brauchen
einander damit
wir leuchten können

Zusatzinformationen: Im Gegensatz zum wasserreichen Schwemmberg besitzt der Mühlberg nur wenige natürliche Quellen. Diese topografische Knappheit bildet den Ausgangspunkt des Gedichts und wird zum Bild für die besonderen Quellen von Widerstand und Vision.
Während der Belagerung von Radstadt im Jahr 1526 befand sich hier eines der beiden Lager der aufständischen Bauern. Auch Michael Gaismair soll sich am Mühlberg aufgehalten haben; Berichten zufolge lagerten dort auch seine Frau und seine Kinder. Der Ort war strategisch bedeutsam und bot einen weiten Blick über die Region und auf die Stadt.
Das Gedicht fragt nach den Quellen gesellschaftlicher Veränderung. Gaismairs Entwürfe zielten auf eine Ordnung, die das ständische Denken seiner Zeit überwand. Zugleich zeigt die Überlieferung, wie unterschiedlich seine Rolle bewertet wird: je nach Perspektive erscheint er als Aufständischer oder als politischer Visionär, als Angreifer oder als Hoffnungsträger. Ein Gespräch mit dem Dichter Aleš Šteger über die Bedeutung von Vernetzung bildet einen weiteren Impuls und verweist darauf, dass gesellschaftliche Veränderungen selten aus einer einzigen Quelle entstehen.
Quellen:
–  Vgl. Die Zwölf Artikel der Memminger Bauern – Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, Stuttgart 2023, S. 140 ff
–  Die alte Stadt im Gebirge – 700 Jahre Stadt Radstadt, S.138
–  Michael Forcher: Michael Gaismair, Innsbruck 2020
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XII. mauerbach            47°23’15.8“N 13°28’18.5“E         audio

wir werden geschult
schuld bei anderen
zu finden | gefahr
als dieses demon-
strative 
wort zu

benutzen | von den
geheimen gängen
wird erzählt | dass wohl
hinter den mauern
eine sehnsucht lebt |

sie ist weiter nicht
domestizierbar
& fragt vergeblich |
warum kamen die
waffen & woher

Zusatzinformationen: Schloss Mauer war über lange Zeit eng mit der Stadt Radstadt verbunden und diente möglicherweise auch als Sitz des landesfürstlichen Pflegers. In der lokalen Überlieferung wird von einem unterirdischen Gang zwischen dem Stadtberg und dem Schloss berichtet. Hinweise auf mögliche bauliche Reste sollen sowohl beim Bau der Ennstalstraße als auch bei späteren Umbauten von Schloss Mauer sichtbar geworden sein. Das Gedicht greift diese Erzählung auf und fragt nach der möglichen Funktion eines solchen Verbindungsganges im Kontext der Kämpfe von 1526. Zugleich verweist es auf offene Fragen zur Versorgung und Bewaffnung der beteiligten Parteien.
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XIII. dörflgraben           47°23‘16,6“N 13°28‘56.9“E        audio

was uns aufstehen
lässt | fragen wir den
stand | im aufstand | dann
das wir | in den kriegs-
wirren 
| am tatort

müssen wir letztlich
die geschichte ent-
reimen 
| entfeinden
den jetztblick bis die
verzerrung endet |

wir üben statt vor-
frieden 
nur ein nach-
hassen 
| es gebiert
waffen & den trug-
schluss 
verteidigung

Zusatzinformationen: Beim heutigen Ortsteil Dörfl kam es am 24. Juni 1526 zu einem der entscheidenden Gefechte im Umfeld der Kämpfe um Radstadt. Bäuerliche Verbände trafen dort auf militärisch besser ausgerüstete Truppen des Schwäbischen Bundes und der landesfürstlichen Söldnertruppen. Die Auseinandersetzung endete für die Aufständischen mit erheblichen Verlusten und beeinflusste den weiteren Verlauf des Aufstandes maßgeblich.
Am selben Tag – zeitlich vorher – hatten bäuerliche Kräfte unter Michael Gaismair am Mandlingpass einen militärischen Erfolg erzielt. Die Gleichzeitigkeit von Niederlage und Erfolg verweist auf die komplexe militärische Lage und relativiert eindeutige Zuschreibungen von Sieg und Niederlage. Das Gedicht greift diese Ambivalenz auf und erinnert an die hohen Opferzahlen auf beiden Seiten.
Quellen:
–  Herbert Klein, Die Kämpfe um Radstadt am 24. Juni 1526 und das Ende des Salzburger Bauernkriegs, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 92 (1952), S. 124–129.  https://www.zobodat.at/pdf/MGSL_92_0124-0129.pdf
–  Die alte Stadt im Gebirge – 700 Jahre Stadt Radstadt, S.136 ff.
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XIV. pfandling          47°22’58.3“N 13°27’38.7“E       audio

wir fragen nach den
frauen* im kampf | da
_ sind leerstellen |
schreien wieder auf |
denken an die hof-

männin die schwarze |
an magdalena
gaismair | an frau
perchta & alle
namenlosen | die

mitträger*innen
des aufstands werden
weiter verharmlost |
um ihre stimmen
gebracht | bis heute

Zusatzinformationen: Das Gedicht verweist auf die Rolle von Frauen im Bauernkrieg von 1525/26. Zeitgenössische Quellen bezeichnen sie häufig als „Trossweiber“, die Heere begleiteten und versorgten. Neuere Forschungen, insbesondere von Lyndal Roper, zeigen jedoch, dass Frauen weit darüber hinaus handelten: Sie wirkten als Organisatorinnen, Unterstützerinnen und in einzelnen Fällen auch als Kämpferinnen. Margarete Renner – in den Quellen auch „Schwarze Hofmännin“ genannt – beteiligte sich bewaffnet an Aufständen im südwestdeutschen Raum. Auch Magdalena Gaismair (geb. Ganner), die Ehefrau von Michael Gaismair, war in politische und organisatorische Prozesse eingebunden. Das Gedicht stellt diese historische Dimension in Beziehung zur regionalen Sage von Frau Perchta in Radstadt. Die Figur erscheint als aufdeckende (auch Sehkraft schenkende), strafende Instanz, die soziale Ungerechtigkeiten sichtbar macht. Die Verbindung von historischer Forschung und Sagenmotiv lenkt den Blick auf weibliche Handlungsmacht im Spannungsfeld von Krieg, Ordnung und Gerechtigkeit.
Quellen:
–  Herbert Klein, Die Kämpfe um Radstadt am 24. Juni 1526 und das Ende des Salzburger Bauernkriegs, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 92 (1952), S. 124–129, S. 128.
–  „Frau Perchta“, in: Sagen.at – Sagen aus dem Pongau, Radstadt.    https://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/salzburg/pongau/frauberchta.html
–  Lyndal Roper, Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525/26, S. Fischer, Frankfurt am Main 2024, S. 374 ff.
–  Universum History: Bauernkrieg – Kampf um Freiheit. ORF 2.   https://tv.orf.at/program/orf2/universumh1610.html
– Dürnpacher, Correspondenz, S. 166
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XV. wandbach           47°23’19“N 13°27’06“E        audio   

da wurde ein kind
verschwunden gemacht |
eine andere
_ mutter griff ein |
sie schrie sich liebend

gegen mordbefehle
& holte das zum
tod _ gezerrte
zurück ins leben |
das schreien | es bleibt

unabhängig der
zeit | fragen wir | wann
fordert liebe mut
von uns ein ahnen
jenseits der grenzen

Zusatzinformationen: Der Wandbach markierte einst die Grenze zwischen Stadt und Schwemmberg. Das Gedicht fragt, wo Aufstand (der Bäuer:innen) heute geschieht – und erinnert daran, dass Widerstand nicht nur auf Schlachtfeldern sichtbar wurde, sondern in alltäglichen, mutigen Entscheidungen. Der Hintergrund zu diesem Gedicht wurde von Eva Pichler erzählt und betrifft das Heimathaus ihrer Familie. Der Bauer Andreas Riepler des Hofes „Spitalleiten“  hatte eine uneheliche Tochter, Anna („Nanei“) Kocher, die infolge von Sauerstoffmangel bei der Geburt mit einer Behinderung lebte; ihre leibliche Mutter verstarb an den Geburtsfolgen. Während der NS-Zeit geriet Anna in das System der nationalsozialistischen Krankenmorde. Sie wurde von staatlichen Stellen abgeholt. Ihrer Stiefmutter Elise Riepler gelang ein Wunder, sie schaffte es durch ihren beharrlichen Einsatz Anna zurückzuholen und so ihr Überleben zu sichern. Sie verweist darauf, dass Liebe nicht abstrakt ist, sondern handelt – auch gegen Widerstände.
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Danksagung
Mein Dank gilt Mechthild für den historischen Austausch und die Unterstützung bei der Recherche. Stefan und Alois danke ich für ihre Kenntnisse der Bäche und der Landschaft. Franz danke ich für die Covergestaltung, sein Mitdenken und die vielen Gespräche entlang der Fragen dieses Projekts. Dem Zentrum gilt mein Dank für die Ermöglichung dieses Vorhabens, insbesondere möchte ich mich bei Elisabeth und Michi bedanken für den Glauben an das Projekt und die Unterstützung dieses ersten Poesiewegs in Radstadt und Michi für die Realisierung und den gemeinsamen Weg zum Weg.  Siljarosa Schletterer

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
–  Peter Blaikner: Verteidigung des Sommers, Salzburg 2006.
–  Ralf Höller: Die Bauernkriege 1525/1526, Stuttgart 2024
–  Franz Ortner: Salzburger Kirchengeschichte, Universitätsverlag Anton Pustet 1988, S 83ff
–  Friederike Zaisberger (Red..): Reformation – Emigration – Protestanten in Salzburg, Amt der Salzburger Landesregierung 1981, S. 26-33